CV

2025

lebt und arbeitet in Berlin, Hannover, GER und Kingston, NY. Seit 2014 Professur für Künstlerische Gestaltung, Leibniz Universität Hannover, Fakultät für Architektur und Landschaft

2012

im SS 12 und WS 12/13: Gastprofessur für Malerei an der Chinesisch-Deutschen Kunstakademie, Hangzhou, China

2010-11

Studienaufenthalte in den USA (Nashville, Tennessee; Marfa, Texas, Chicago, Illinois)

2009

Erster Preis Kunst-am-Bau-Wettbewerb, Neubau BND, Standort Übergänge Torhäuser, Zusammenarbeit mit Friederike Tebbe (Ausführung 2015/16)

2008

Gastprofessur für Malerei an der Chinesisch-Deutschen Kunstakademie, Hangzhou, China

2006-08

Gastprofessur für Malerei, Universität der Künste Berlin

2006

SS 06 + WS 06/07 künstlerische Mitarbeiterin am Institut für Bildende Kunst der Fakultät Architektur, TU Braunschweig

2004/2005

Lehrauftrag (Fachklasse Bildhauerei) an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

1998

Rom, Villa Massimo Stipendium

1996

Worpswede, Barkenhoff-Stipendium

1995

Kunstpreis „Heinrich der Löwe und seine Zeit“, Braunschweig. Förderstipendium des Landes Niedersachsen

1994

Jahresstipendium des Landes Niedersachsen

1993

Kunstpreis Malerei des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, Frankfurt/ Main

1992 – 93

Schöppingen, Stipendium Künstlerdorf

1991 – 92

London, DAAD-Stipendium, University of London: Goldsmiths’ College

1991

Meisterschülerin bei Prof. H.-G. Prager. Rudolf-Wilke-Preis der Stadt Braunschweig

1984 – 90

Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Diplom

Einzelausstellungen

2024/25

ornamental, in "drucken...", drj l ap, Berlin

2022

Draperie, Marktkirche, Halle, kuratiert von Dr. Riccarda Cappeller

2020

Schraffuren, drj l ap, Berlin

2018

halbe-halbe, Kunstverein j3fm, Hannover

2016

Weißbruch, drj l ap, Berlin und Galerie Lindner, Wien (mit Denise Winter)

2015

the room went away / the room came back, Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach

2012

.rand.bedingungen., Galerie dr. julius l ap , Berlin

2010

Keller Mitte Dach, O. M. Architekten BDA, Kunst8 Braunschweig, kuratiert von Dr. Anne Mueller von der Haegen

2009

castorpollux, Farbrauminstallation im Kornhäuschen Aschaffenburg

2008

driving window, Galerie 21, Braunschweig

2007

Furchtableiter, Künstlerhaus Göttingen

2006

Wand-Tür-Fenster, ArchitekturStadtplanungStadtentwicklung, Düsseldorf

2005

Am Fenster, Wunderkammern, Spello, IT

2005

Così rotondo, Mies van der Rohe Haus (Haus Lemke), Berlin

2004

Kabinett Rouge, Allgemeiner Konsumverein Braunschweig

2003

Hausausstellung, bei Ellerbrock/Quitte, Hamburg

2003

Bemäntelungen, Galerie Gruppe Grün, Bremen

1998

Tableaus, Museum Sensenhammer, Leverkusen

1998

Tuch, Villa Massimo, Rom

1996/97

inlays, Kunstverein Gifthorn, Kunstverein Gifthorn

1995

Galerie Barz, Hannover

1994

gegenständig-wechselseitig, Kunstverein Wolfenbüttel

1992

Karmesin, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover

1991

Tischdecke, Deckenbild bei M. und E. Dehoff-Schwarz, Braunschweig

1991

Rudolf-Wilke-Preis 1991, Brücke-Galerie und St. Katharinenkirche, Braunschweig

1990

ONS-Galerie, Berlin (mit B. Dörffler)

Ausstellungsbeteiligungen

2025

Mail Art Project, drj l ap, Berlin

2023

Open Studios in den Gerichtshöfen

2023

Intermediate Programme, Accrochage, drj l ap

2022

nacht & tag, Gerichtshöfe, Berlin

2021

Malerei ff. Kubus, Galerie vom Zufall und vom Glück, Hannover (kuratiert von Giso Westing)

2020

Raum Fläche Zeit, Allgemeiner Konsumverein, Braunschweig (kuratiert von Dr. Anne Mueller von der Haegen

2020

Proof of Concept, Accrochage, drj l ap

2019

CENTURY. idee bauhaus, drj l ap, POSITIONS Berlin art fair

2018

freshtest 4.1, Kunstverein Koelnberg e. V., Köln

2017

Art Bodensee, mit Galerie Lindner, Dornbirn, AUT

2017

Start-Up, Multiples+Series, dr. julius l ap, Berlin, 2nd Edition Galerie R. Drees, Hannover

2017

paper positions, international art fair, Berlin, München, mit dr. julius l ap

2016

Geheimnis, Kunsthaus Potsdam (K)

2015

Haus und Grund genug, 4712, Hohenzollernstr. 47, Hannover (kuratiert von Olav Raschke)

2015

Treffpunkt Worpswede, Museen Worpswede, Barkenhoff (K)

2014

unbounded, Root Division, San Francisco CA, US

2014

TECH. ART. INTERSECT., art and engineering, Artis GmbH und Galerie dr. julius l ap , Berlin (K)

2013

POINT, Galerie Lindner, Wien

2013

ZEICHNUNG WIEN die 4te, Galerie Lindner, Wien

2012

Wunderkammern@MIA, Rom, IT

2012

Könnte von mir sein, Kornhäuschen Aschaffenburg

2011

An Exchange with Sol Lewitt, MASS MoCA, MA, US

2010

Kunst an Architektur, Werkraum, Architekturgalerie Berlin

2010

The Roundabout, LuogoComune/Rad´Art, Cesena, IT

2009

Osservatorio, a cura di M. de Leonardis, Wunderkammern, Rom, IT

2009

Bianco / Nero, Poltrona Frau, Rom, IT

2009

Wettbewerbsarbeiten, Kunst-am-Bau Neubau BND, im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Berlin

2007

De Natura Artis, Schloss Agathenburg, Stade

2006

studio, Galerie lueckeundpartner, Berlin

2004

Hotel Eden, Ludwigturm im Innenhafen, Duisburg

2002

Perspektiven, Kunstverein Hannover (K)

1998

Concordanze, II. Incontro Internazionale di Scultura, Lettomanopello, Pescara, IT

1998

Prima Biennale dei Parchi Natura e Ambiente, Palazzo delle Esposizioni, Roma, IT

1998

Babele IV, Villa Massimo, Roma, IT

1997

Parallelen, Grassi Museum, Leipzig

1996

Junge Kunst, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen

1995

Triennale der Malerei, Sofia

1993/94

Junge Kunst der 90er, u.a. Kampnagel K 3, Hamburg und Haus am Kleistpark, Berlin

1993

Abstrakt, Deutscher Künstlerbund, Dresdener Schloss

1992

Klasse Prager, Flottmannhallen, Herne, HBK Braunschweig

1992

Homeworks, DAAD-Stipendiaten, Royal College of Art, London, GB

1992

MA/PG-Show, Goldsmiths’ College, London, GB

1992

Preisträger/ -innen ‘92, BVR, Schirn-Kunsthalle, Frankfurt/ Main

1991

Goslarsche Str. 82, Braunschweig (mit B. Dörffler, D. Beer, J. Treutler)

Publikationen: Einzelkataloge

2016

the room went away / the room came back, Kunstmuseum Villa Zanders (Hrsg), Dortmund, 2016

2010

Räume / Spaces, Hachmannedition, Bremen

2008

Wand-Tür-Fenster, Künstlerbuch

Text

Mit literarischen Texten:
„Der schöne Ort“ von Tankred Dorst / Ursula Ehler
„Eulenspiegel“ von Thomas Brasch

1998

Umschlag, Villa Massimo, Rom

1997

Antimensium, Braunschweiger Dom. Text: Horant Fassbinder

Text

© Horant Fassbinder
ANTIMENSIUM
Auszüge aus dem Text in: Anette Haas, Antimensium
Kunst im Dom IX. Herausgeber: Domkirchenvorstand, Braunschweig, 1997
...
Das Antimension [griechisch für „Antimensium“] war ursprünglich ein vom Bischof geweihtes Tuch, das die Kraft besaß, einen einfachen Tisch in einen Altar zu verwandeln. Es wurde auf Reisen benutzt „anstelle“ (griechisch „anti“) des steinernen, mit eingemauerten Reliquien ausgestatteten Altarttisches (lateinisch: „ mensa“) der Kirchen, wobei das Wort offensichtlich aus einer Zeit stammt, als östliches und westliches Christentum noch ungetrennt waren. Später wurde aus dem ursprünglichen „Reisealtartuch“ das oberste Altartuch schlechthin, auf dem schon seit Jahrhunderten in den Ostkirchen regelmäßig das Messopfer gefeiert wird.
...
Das „Antimensium“, das Anette Haas hier in dem kapellenartigen Raum des Südquerhauses von St. Blasius ausgebreitet hat, diese große farbige Skulptur, begegnet uns als schlichte und doch zugleich überaus festliche Geste. Auf dem niedrigen quadratischen Podest aus einfachen Holzfaserplatten liegen in prächtigem Blau- und Rottönen an den Ecken umgeschlagene Tücher, die geometrische Figur eines gleicharmigen Kreuzes oder einer stilisierten „Kreuzblüte“ bildend. Im Zentrum markieren sorgfältig parallel gelegte Streifen-„Bordüren“ ein präzises Kreuz, dessen blassroter Grund gegen die rahmenden Streifen und die blassblauen Dreiecke in den vier Ecken steht. An den Rändern bilden die umgeschlagenen „Blütenblätter“ gespannte, runde „Voluten“, an deren Stirnen sich schmale Spalten zwischen den Bahnen öffnen.
...
Das scheinbar so einfache Umschlagen der Tücher bewirkt eine dynamische Bewegung ihres Saumes: klare und geometrische, rechtwinklig aufeinanderstoßende Lineaturen in der ebenen Fläche der Mitte; dann die weiche konkave Form beim Lösen der Bahnen vom Grund; die straffe, runde Volute, in der der farbige Randstreifen bereits unmerklich ins Innere der Bahnen verschoben ist, und schließlich die nüchterne Packlage der liegen gebliebenen Tuchabschnitte an den Kreuzarmenden, wo man den farbigen „Saum“ in Gedanken weiterführt. Mit den einfachsten Mitteln wird bewirkt, dass Ruhe und Bewegung, Fläche und Raum, Blau und Rot, in präzisem und doch geheimnisvollem Spiel ineinandergreifen.
...
Tatsächlich ist jede einzelne dieser Stoffbahnen ein mit Farbe und breitem Pinsel auf Nessel gemaltes, monochromes, leuchtend blaues oder rotes Bild, das beim Malen auf einen gewöhnlichen Keilrahmen gespannt war wie fast alle Tafelbilder seit der Renaissance. Die Spuren der regelmäßigen waagerechten und senkrechten Pinselstriche sind auf den Rückseiten des Baumwollstoffes noch zu erkennen, besonders in den Mittelachsen der Tücher, wo die Lagen der Pinselstriche einander ein wenig überlappen. Nach dem Trocknen hat Anette Haas die Tücher mit Wachs getränkt. Dadurch sind die monochromen Farbflächen noch leuchtender und die Rückseiten so durchscheinend geworden, dass die Farbe der Vorderseite blass hindurchschimmert. Und erst das harte Wachs gibt den Tüchern jene Festigkeit, die die plastischen Voluten an den Umschlagstellen hervorbringt.
...
Wie das wirkliche Antimensium, das ja immer im Kontext eines Altares und einer Kirche genutzt wird, ist auch Anette Haas´ Skulptur präzise bezogen auf den Raum ringsum. Sie wiederholt die quadratische Form des Querhausarmes, in dem sie liegt, wobei die Diagonalstellung der Lage der Kreuzgrate im Gewölbe darüber entspricht. In der achsialen Lage vor der Apsisnische und ihren schlichten, klaren Formen antwortet sie auf die strenge Geometrie der romanischen Architektur über ihr. Dem einfachen Umschlagen der Tuchbahnen entspricht das „Umschlagen“ der Gewände der Fenster und Bogenöffnungen und der Wände selbst im darüber liegenden Kreuzgratgewölbe. Das dem Quadrat übereck einbeschriebene Diagonalquadrat ist übrigens eine der Grundfiguren mittelalterlichen Bauens, die immer wieder zugrunde gelegt wurde, um Proportionsbeziehungen zwischen Bauteilen wie Breite zu Höhe, Höhe zu Höhe etc. abzuleiten.

Anette Haas greift in ihrer Arbeit auch die Farbtradition dieses Raumes auf. Die Farben der aus dem mittleren 13. Jahrhundert stammenden Wandmalerei sind verblasst. Trotzdem ist noch deutlich zu erkennen, dass Blau und Rot absolut vorgeherrscht haben, jene vor allem Christus, Maria und Johannes vorbehaltenen Farben, die in der Spätantike an die Stelle der kaiserlichen Farbe Purpur – Mischfarbe von Blau und Rot – getreten waren und aufgrund dieser Nachfolge die Vorstellung von „herrscherlich“ bewahrt hatten. ...
Die reinen und starken Farben der Tücher verweisen darauf, dass früher einmal auch die Wandmalerei darüber leuchtend farbig war, wie wir aus dem Vergleich mit besser erhaltenen Malereien wissen. Und umgekehrt erinnert die Blässe der Rückseiten an die Vergänglichkeit der ungeschützt dem Licht ausgesetzten Farben.
...
Anette Haas´ Arbeit ... bringt sich [im Dom St. Blasius] sehr genau ein in einen kultischen Raum, der wie diese Skulptur zugleich geometrisch präzise und lebendig ist, erfüllt von einer Malerei, die in fast ekstatischer Bewegung die Wunder und Legenden des Heils erzählt. In diesem Kontext erscheint diese Kunstwerk wie ein menschliches Präludium für das Göttliche, das sich über ihm vollzieht. Und genau das ist die Funktion des Antimensium.
© Horant Fassbinder

1996

Inlays, Barkenhoff-Stipendium, Worpswede. Text: Michael Stoeber

Text

© Michael Stoeber
STIMME HINTER DEM VORHANG
Zu den Arbeiten von Anette Haas.
Auszüge aus dem Text
in
Anette Haas. Inlays. Herausgegeben von der Barkenhoff-Stiftung, Worpswede. 1996
...
„Happiness“ aus dem Jahre 1993 ist ein großformatiges Bild, das ironisch mit dem Motiv des Fensters spielt. Es ist ein Bild im Bild, aber die Bilder verschließen sich der Repräsentation. Die Vorstellung, das Bild könne wie vormals Fenster zur Welt sein, trägt nicht mehr. Die abgerundeten Kanten des inneren „Bildfensters“ suggerieren die Form eines Fernsehers, der modernen Variante der Weltvermittlung, aber auch dessen Mattscheibe bleibt blind. Nur wie hinter einem Filter wird durch die ultramarinblaue Grundierung im unteren Teil des Bildes die Ahnung einer unregelmäßigen Horizontlinie sichtbar.
...
Die Serie der Arbeiten, die auf diese Ouvertüre folgt, sind Bildobjekte, die den Raum ganz konkret für sich reklamieren. Haben ihn die vorangehenden Tafelbilder noch durch Extension und Respiration von Farbe negiert oder evoziert, wird er nun durch Faltung, Bündelung und Schichtung des farbtragenden Materials ganz konkret Element der Arbeiten. Auch wenn diese Prozeduren die formbuchstabierenden Verfahren der Minimal Art in Anschlag bringen, bleibt Anette Haas keineswegs dabei stehen. Ihre Arbeiten beherrscht ein wunderbares Paradox. Sie sind objektiv und subjektiv zugleich. Sie sind Mathematik und Erzählung. Wenn man sie ent-faltet – ganz buchstäblich zurückverfolgt bis zu dem Punkt ihrer Entstehung – stellt man fest, dass sie formal sehr streng gearbeitet sind, und doch ist das Ergebnis von ornamentaler Leichtigkeit. Überall begegnet uns in den Bildobjekten eine Art schwebender Ambivalenz. So entpuppt sich die vermeintlich industrielle Textur als das Ergebnis einer ganz persönlichen Produktionsalchemie. Anette Haas spannt Nessel über einen Rahmen, trägt wiederholt lasierend Acrylfarbe auf und versiegelt das Ganze anschließend mit flüssigem Wachs. So erreicht sie den starren und zugleich flexiblen Materialstatus ihrer Arbeiten.

„Fries“ (er so, sie so) und „Sandwich“ (sie so, er so) haben spiegelnde, narrative Untertitel. Sie verweisen auf die formale Machart und die thematische Zusammengehörigkeit der Arbeiten. „Fries“ ist einem Diptychon gleich ein Bildobjekt aus zwei Teilen. Zwei farbige Nesselbahnen, die eine rot, die andere grün, von identischer Größe sind ökonomisch und unauffällig mit jeweils zwei Schrauben dicht nebeneinander an die Wand geheftet. Nur eine schmale Linie trennt sie, die wie ein scharfer Schnitt ist. Die Nesselstreifen sind so eingeschlagen, dass sie eine schlichte Volute bilden oder eine Art gewelltes Ornament. Dem Betrachter zeigen sie nicht ihre farblich strahlende Schauseite, sondern die farbschwache, duffe Rückseite. Die Farbe ist sie selbst und doch eine andere. Beim Durchgang durch die Nesselfaser und in der Interaktion mit dem siegelnden Wachs ändert sich ihr ontologischer Status. Ein Spiel, leicht und doch ernst genug, mit Identität und Differenz. „Ich ist ein anderer.“ Den Satz kennen wir von dem französischen Dichter Arthur Rimbaud. Wir begegnen dieser Verkehrung von außen und Innen auch bei der Bodenarbeit „Inlay“, deren Rot sich im Inneren ihrer Faltungen verbirgt, oder bei der Wandarbeit „Tuch“, die wie eine Ziehharmonika gefaltet an der Wand hängt und deren strahlendes Blau sich erst beim Blick auf ihre seitlichen Kanten enthüllt.

... Die Nesselbahn [bei „Fries“] mit der schwach grünlichen Außenseite zeigt im Inneren kein sattes Grün, sondern ein kräftiges Rot und umgekehrt zeigt die Bahn mit blassen Rot im Inneren ein strahlendes Grün. Dieses Prinzip der seitenverkehrten oder vertauschten Farbspiegelungen finden wir in der Bodenarbeit „Sandwich“ wieder, in der zwei Nesselbahnen von der Künstlerin so gestaltet, gefaltet und ineinandergelegt werden, dass sie farblich und formal eine ideale Paarbeziehung eingehen. Jedes Element bleibt bei sich und ist doch eins mit dem anderen. Damit wird das Spiel von Farbe und Faltung symbolisch und erzählerisch. Allerdings ist das ein sehr diskretes Erzählen. Es ist indirekt und implizit, so wie es die den Objekten eingeschriebenen Inlays sind. Als erzähle eine Stimmer hinter einem Vorhang.

Zieht man den Vorhang weg, führen die spiegelbildlichen Titelparenthesen zu einer Stelle aus dem Roman „Keiner weiß mehr“ von Rolf Dieter Brinkmann. Der früh verstorbene Autor schildert darin weitgehend biographisch seinen Ehealltag, seine Depressionen und Obsessionen. In ohnmächtigen Ausbrüchen und schmerzhaften Zustandsbeschreibungen werden gnadenlos die perspektivlose Tristesse von Ehe und Einzelexistenz vorgeführt. Die Stelle, aus der das Zitatfragment stammt, ist dagegen wie ein Atemholen und Ausruhen in diesem vergeblichen Kampf. Ist wie der kleine Traum einer großen Utopie, die der Alltag nicht herausgibt. Brinkmann schreibt: „Das Bild abgerundet ... ruhig, ohne Hast, einander zugewandt vorn in seinem Zimmer, sicher des anderen, dass der verstand, wie man eben war, sie so, er so, nicht anders, dabei keineswegs gleichgültig, das und das und das gemeinsam wieder untereinander aufgeteilt, nicht länger grundsätzlicher Erörterung wert.“
...
In „Tableau“, dem vorläufig letzten Bild dieser Serie, geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter. Die Leinwand besteht aus sieben übereinander geklebten Nesselschichten und sieht aus wie ein Diptychon, ist aber ein Bild. Ein intensives Lascauxbraun bedeckt zwei identische Rechtecke, die nebeneinander stehen, nur durch einen schmalen Streifen gebleichten Nessels voneinander getrennt. Schaut man genau hin, bemerkt man leichte Marmorierungen. Die Farbe scheint auf dem Weg, auch diese Grenze zu überwinden. Die alten Dualismen und Polaritäten, die Vertauschung von Innen und Außen, der Gegensatz von Fläche und Raum und die Gewichte der Farbe, all das scheint hier zu vorläufiger Ruhe und zum Ausgleich gekommen zu sein.
© Michael Stoeber

1993

KARMESIN, Hrsg. Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover. Text: Frank Berninger

Text

© Frank Berninger
Auszüge aus dem Text in:
Anette Haas, KARMESIN.
...
Dem architektonischen wird ein visionärer, gemalter Raum entgegengesetzt. Die Wandfläche wird aufgelöst in Weite und Tiefe. Das geschieht nicht illusionistisch. Anette Haas verzichtet auf alles vermittelnde Beiwerk und vertraut ganz auf die Empfindungskraft, die sich in die gemalte Fläche „vertieft“. Die Fläche ist die Membran zum anderen Raum, zum unmessbar Weiten.

Die Größe dieser Arbeiten ergibt sich zwingend, denn sie sind keine Fenster zum Hinausschauen, sondern sie sind die verwandelte Wand selbst.

Überblickt man die großformatigen Arbeiten chronologisch, so lassen sich verschiedene Stufen der „Auflösung der Wand“ nachvollziehen. Ausgehend von vor die Wand gespannten, großen Stoffen, entwickelt Anette Haas den monochromen Farbteppich. Um dessen Durchsichtigkeit und Durchlässigkeit – die Membranwirkung – zu steigern, imprägniert sie den Stoff mit Bienenwachs. In der nächsten Phase wendet sie sich den Randbereichen des Stoffes zu, sucht einfache Formen und Malweisen, die den Rand als Zone der Vermittlung zwischen einem sich ausbreitenden, malerischen Geschehen und der umgebenden Wandfläche herausstellen.

Mit der Einführung des Horizonts weitet sich die Membranfläche schließlich zum malerischen Raum. Es entsteht eine dritte Werkgruppe, der auch KARMESIN zuzurechnen ist.
...
An der Horizontlinie ist ein klassisches, malerisches Phänomen zu beobachten – das Sfumato, das leichte Schwingen einer Linie, die von zwei aneinanderstoßenden Malflächen gebildet wird, eine leichte Unschärfe, die durch ihre Präzision atmosphärische Raumtiefe suggeriert. Das Sfumato verräumlicht die sich an ihrer Grenze minimal überlappenden Flächen.
...
Die Komposition wurde auf eine Horizontlinie reduziert, an der sich die Grenze von oben und unten mit einer Vision von Tiefe und Weite durchdringt. Das Gemälde KARMESIN behält trotz dieser Raumtiefe und Landschaftlichkeit immer noch den Charakter des Vollgesogenen, eine unheimliche Dichte der Farbe. Das Filtervlies wird zum Farbteppich. Die Idee des Teppichs vereint das Weite, sich Erstreckende mit dem Stoffliche, Dichten und Prächtigen. Durch zahlreiche, dünne Farbschichten wurde dieser Teppich gebildet. Der Ablauf ist jetzt nicht mehr ablesbar. Die Schritte des Malvorgangs sind wie aufgesaugt im Stoff. Spürbar bleibt das Vollgesogene, erfüllt Schwere.

Im Werk von Anette Haas herrscht ein bewegender Impuls. Ausgreifen, ausweiten, atmen, ausspannen, ausfließen – die Weite, die Transparenz, der Raum, der Horizont, die Landschaft – in allem waltet der gleiche bewegende Drang. Dieser findet seinen Widerpart im architektonischen Raum, im Rand (d. h. in der Begrenztheit des Bildformats), in der Grenze des Schauens, dem Horizont. Der an seine Grenzen anbrandende Impuls schafft Form und Werk. Das Ausufernde wird gefasst. Maß und Größe stehen in einem Spannungsverhältnis, das den Betrachter in Atem hält – Form und Erlebnis, Gemessenheit und Ergriffenheit. Form muss in diesem Sinne unvoreingenommen und elementar verstanden werden. Form ist nicht wiedererkennbare Form, nicht Abbild, sondern Formulierung oder Format im unmittelbaren Bezug auf Körper und Architektur. Als Begrenzung und Bedingung der Malerei wird das Konkrete zuerst erlebt.
...
Die Verwandlung des Gemäldes, man mag auch sagen der Wand, die es zum schwingenden Resonanzraum macht, setzt äußerste Beschränkung voraus. Jede Struktur, auch Vorstellungen und Bilder sind in diesem Sinne Struktur, begrenzt, bricht und schwächt letztlich die Übertragung. Das Problem der gestalterischen Ökonomie stellt sich als Problem der Übertragung spiritueller Energie.
...
Anette Haas stellt ihre Arbeiten bewusst in ein soziales Gefüge. Die Bilder schaffen im Ablauf des Alltagslebens eine Unterbrechung; so erlebt der Betrachter den Raum, den er zuvor nur benutzte. Diese Einheit von Raum und Person, dieses „Am-Ort-Sein“ ist vorübergehend. „Am-Ort-Sein“ ist räumlich und zeitlich. Das von alters Nomadische unseres Wesens wird angerührt. Wenn Anette Haas ihre großen Arbeiten häufig auf- und abbaut, entspricht das praktisch Notwendige einer inneren Haltung. „Nomadisch“ meint hier einen Anspruch, die Bereitschaft zum Aufbruch – und die Beschränkung auf das Notwendige. Hier wird nach der Möglichkeit zu einer neuen Freiheit und Offenheit gesucht. Der Horizont gibt dieser Haltung ein treffendes Bild.
© Frank Berninger, 1993 in: Anette Haas, KARMESIN. Herausgegeben vom niedersächsischen Ministeriuum für Wissenschaft und Kultur, 1993
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

1992/93

Schöppingen, Stipendium. Text: Petra Oelschlägel

Text

© Petra Oelschlägel
Fließen – Schweben – Verdichten
Bemerkungen zur Malerei von Anette Haas
Auszüge aus dem Text in:
Katalog 16. Anette Haas. Herausgegeben vom Künstlerdorf Schöppingen e. V. , 1993

Schlägt man in einer deutschen Enzyklopädie den Begriff Malerei nach, so kann man lesen, dass sie im Gegensatz zu den dreidimensionalen Künsten Architektur und Plastik als „Flächenkunst“ gilt (1) . Dieser Begriff erscheint angesichts jahrhundertewährender räumlich-illusionistischer Malerei als fragwürdig, im Falle der Kunst von Anette Haas jedoch als geradezu falsch, da ihre Malerei Räumlichkeit nicht nur verheißt, sondern real erfahrbar macht.
...
Die Bearbeitung der Leinwände fordert aufgrund ihrer Dimensionen von Anette Haas nicht nur physischen Einsatz sowie wechselndes Abstandnehmen und Annähern, sondern erlaubt ihr, die gesamte, weitausholende Körpergestik ins Bild aufzunehmen. Die Leinwand wird Träger dieses Ausdrucks und Projektionsfläche für im Gleichgesicht befindliche Kräfte. So stehen Ruhe und Bewegung, Statik und Dynamik, Transparenz und Dichte oder aber Offenheit und Geschlossenheit in spannungsvoller Koexistenz. Es gibt in ihren Bildern Partien, in denen dieses Gleichgewicht erreicht und die Existenz von Polaritäten nicht mehr sichtbar ist. In anderen Bildpartien ist das Aneinanderreiben konträrer Kräfte in einer vibrierenden Farbfläche zu spüren, die das Auge nicht zur Ruhe kommen lässt. Vorherrschend ist jedoch der Eindruck von zu harmonischer Ganzheit überführten Kräften.

In den Gemälden der Künstlerin wird Aktivität sichtbar gebremst, nicht aber unterbunden oder gar in einen Stillstand überführt. Wie in „Oltremare/Vermiglione“ (1990) baut sich die Farbigkeit zumeist auf einem differenzierten und modulierten rot-blau-Kontrast auf. Gerade diese beiden emotional und ikonographisch stark besetzten Farben verbindet Anette Haas in ihren an sakrale Tafelgemälde erinnernden Bildern wiederholt. Bezogen auf die Technik arbeitet die Künstlerin traditionell: Sie spachtelt, rollt oder schüttet die Farbe nicht, sondern malt mit dem Pinsel, da ihr an einem dünnen und präzisen Auftrag gelegen ist. In einigen ihrer Bilder verwendet sie neben Acrylfarben auch Bienenwachs, welches sie entweder als Grundierung oder abschließend, einem Fixierprozess vergleichbar, aufträgt.
...
Auf die großformatigen Leinwände hingegen, die die Künstlerin über Wochen und zum Teil Monate beschäftigen, sind die Farben von ihr nicht nur schichtweise aufgetragen, sondern partiell auch ausgewaschen. Auf diese Wese erreicht Anette Haas ohne harte Übergänge Tiefenillusion und Dichte in der gewünschten Art. Trotz der Formate ist sie somit in der Lage, den Eindruck von Leichtigkeit und das scheinbare Schweben einzelner Bildpartien herbeizuführen. Dies wird in „Schöppinger Berg“ besonders deutlich: Einem magnetisch aufgeladenen Feld vergleichbar, verdichtet sich die schwebende und fließende Ruhe der Farbflächen im dunklen „Berg“ in der Bildmitte. Es entsteht ein Farblicht, welches über die faktische Farbmaterialität hinausgeht und ein Spannungsverhältnis zwischen Betrachter und Bild erzeugt.

So, wie sie bereits für eines ihrer ersten Gemälde “Terra di Siena bruciata“ (1990) ein Format von 275 x 710 cm gewählt hat, wägt sie Format und Inhalt stets ab und arbeitet experimentierend von Werk zu Werk. Sie erschließt Formen und Formate, die zum Teil vom traditionellen Tafelbild wegführen, stärker den Raum betreten und somit eine andere physische Präsenz im Raum einnehmen. „Red & Blue“ (1992), mit Anspielung auf die legendären Gemälde „Who´s afraid of yellow, red and blue?“ von Barnett Newmann, ist ein Gemälde, welches in eine Raumnische gespannt wird. Durch die Maße von 300 x 600 x 300 cm wird dieser Raum nicht nur bestimmt, sondern auf gestimmt. Noch deutlicher wird der raumgreifende, die traditionelle Malerei hinterfragende Ansatz in „Tuch. Rot.“ (1992), einer innenseitig bis zur Auflage am Boden bemalten Stoffbahn, die – einer Tasche vergleichbar – von der Decke herabhängt. Abhängig vom Lichteinfall strahlt die aufgetragene Farbe in Rotschattierungen an die Wand und durch die gegenüberliegende Bahn in den Raum. Die Wand ist nicht mehr Präsentationsfläche des Bildes, sie wird als Bestandteil eines größeren Kontinuums erkannt. Das Gemälde hingegen wird zum realen Farbkörper, der einer Skulptur in seiner physischen, weil dreidimensionalen Präsenz ähnelt.
...
Anette Haas schafft es, in einer meditativen Weise des Malens Werke von starker innerer Kraft entstehen zu lassen, die als herausragender Beitrag zur heutigen Malerei zu bezeichnen sind. Vibrierende Farbfläche wie in „Schöppinger Berg“ transformieren die Leinwand in ein Energiefeld, dem sich der Betrachter, der sich angesichts der Bildformate ohnehin bewegen und die Leinwand erwegen muss, nicht entziehen kann; er wird Teil eines Farbraumes. Die Malerei von Anette Haas ist von einer Dramatik geprägt, die sich an der Vielschichtigkeit der Farbe ablesen lässt. Farben überlagern einander in mehreren Schichten, so dass der Bildträger unsichtbar und unermessliche Tiefe fühlbar ist. Sinnliche Präsenz und Mythisches führen auch nach der Abkehr von ihren Arbeiten zu meditativen Nachbildern.
© Petra Oelschlägel
(1) Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden, Bd. 13, Mannheim 1987, S. 247

Publikationen: Katalogbeteiligungen

2016

Lorem Ipsum Sit Dolor

2015

Lorem Ipsum Sit Dolor

About

Draperie, Marktkirche Halle, 2022
Faltenwurf, Filmprojektionen in ehem. Gebetsstuben
"Denkstuben", kuratiert von Riccarda Cappeller

halbe-halbe, 2018
Farbrauminstallation Kunstraum j3fm, Hannover
Baumwollstoff
264 x 40 x 500 cm

Keller Mitte Dach
2010
Acryl, Wachs, Nessel
(auf Wand kaschiert)
(je)165 x 330 cm

Foto: Silke Helmerdig

castorpollux
2009
Farbrauminstallation im
Kornhäuschen Aschaffenburg
Polyester-Textil
lks: 350 x 470 x 350 cm
re: 350 x 500 x 280 cm

Lichtenberg
2007
Baumwollstoff, Hartfaser
340 x 3000 cm
Künstlerhaus Göttingen, 2007
Fotos: A. Haas

Phthalogruen 1-7, 2005/6
Mies van der Rohe Haus (Lemke), Berlin
Wandinstallation Schlafzimmer
Acryl / Wachs / Nessel auf Wand kaschiert
+Studio + Modell

Vista sul Mare, 2004
Acryl, Wachs, Nessel

(auf Wand kaschiert)

207 x 142 cm
Gruppenausstellung „Hotel Eden“ im Ludwigturm, Garten der Erinnerung, Duisburg

Kabinett Rouge, 2020
348 Tuchschichten
Acryl / Wachs / Nessel
18 x 50 x 70 cm
Foto: A. Haas

Kabinett Rouge, 2004
Allgemeiner Konsumverein Braunschweig
Acryl / Wachs / Nessel auf Wand kaschiert, Teppich
Foto: S. Helmerdig

Sandwich (sie so, er so)
1995/2000
Acryl / Wachs / Nessel geschichtet
160 x 240 x 16 cm

Due
2000
Wachs / Nessel
6 x 71 x 34 cm

Tuch. Hell. 1998
Wachs / Nessel
11 x 66 x 51 cm
Foto: M. Wittassek

Antimensium a / b. 1997
im Braunschweiger Dom
Acryl / Wachs / Nessel
35 x 209 x 209 cm

Fotos a / b: K. Morawietz

Mantel, 1996
Acryl/Wachs/Nessel
200 x 70 x 20 cm
Foto: A. Haas

Fries (er so, sie so)
1995
Acryl / Wachs / Nessel geschichtet
83,5 x 45 x 14 cm
Foto: A. Haas

Tuch. Blau. 1993
Acryl/Wachs/Linon
173 x 133 x 17 cm

Tuch. Rot. 1992
London
Wachs / Arcryl / Linon
400 x 170 x 20 cm

Red & Blue. 1992
London, Frankfurt am Main
Acryl / Wachs / Nessel
300 x 600 x 300 cm